04/2020 Beim nachhaltigen Bauen zählt die Langstrecke

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Berlin, März 2020 (PRG) - Das Thema Klimaschutz ist in den Mittelpunkt des politischen und gesellschaftlichen Diskurses gerückt. Besonders im Fokus steht der Gebäudesektor, der für ca. 40 % des Gesamtenergieverbrauchs und 30 % der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Bei der Entscheidung für oder gegen eine Bauweise ist Nachhaltigkeit zu einem zentralen Faktor geworden. Im Interview erläutert Dr. Sebastian Pohl, Mitglied der Geschäftsleitung und Gesellschafter der Life Cycle Engineering Experts GmbH (LCEE), warum Wohngebäude aus Mauerwerk in Sachen Nachhaltigkeit den Vergleich mit anderen, in der öffentlichen Wahrnehmung besonders nachhaltigen Bauweisen nicht scheuen müssen.

Herr Dr. Pohl, in Ihrer aktuellen Studie haben Sie untersucht, welchen Beitrag Holz, Mauerwerk und Stahlbeton zur Erreichung der Klimaziele leisten. Dass sich Mauerwerk gerade auch verglichen mit der Holzbauweise durch eine sehr hohe Nachhaltigkeitsqualität auszeichnet, dürfte viele überraschen?

Dr. Sebastian Pohl: Als nachwachsender Rohstoff, der zudem noch CO2 speichern kann, scheint Holz in punkto Nachhaltigkeit auf den ersten Blick im Vorteil zu sein. Allerdings erfordert die Weiterverarbeitung des Rohstoffs Holz hin zu (konstruktiven) Holzwerkstoffen und -bauteilen natürlich auch den Einsatz von Energie bzw. löst CO2-Emissionen aus. Und für die öko- oder CO2-bilanzielle Gesamtbewertung eines Gebäudes muss ohnehin der komplette Lebenszyklus von der Herstellung über die Nutzung bis zum Rückbau betrachtet werden. Dass ein typisches Mehrfamilienhaus aus Mauerwerk über einen üblichen Lebenszyklus von 80 Jahren sogar 4 % weniger CO2-Äquivalente verursacht, liegt generell an der Wichtigkeit der Nutzungsphase für die gesamte CO2-Bilanz – Stichwort Energieverbräuche für Wärme/Strom – sowie im Speziellen an seiner höheren Wärmespeicherfähigkeit und längeren technischen Nutzungsdauer. Die ökologische Nachhaltigkeit einer Bauweise zeigt sich also nicht im Sprint auf der Kurzstrecke, sondern vielmehr beim Marathon über die gesamte Distanz.

Mauersteine wie Porenbeton und Kalkstein oder Ziegel müssen bei der Herstellung energieintensiv in Autoklaven gehärtet oder bei hohen Temperaturen gebrannt werden. Entsprechend hoch dürfte die Umweltbelastung sein?

Dr. Sebastian Pohl: Keine Frage – alles, was mit hohem Energieeinsatz produziert werden muss, kann je nach eingesetztem Energieträger Auswirkungen auf die Umwelt haben. So auch die Produktion von Mauersteinen. Allerdings gibt es im Vergleich zu Bauprodukten anderer Bauweisen zum Stand heute keine nennenswerten klimaschutzrelevanten Unterschiede. Laut einer aktuellen Auswertung von „ökobaudat“, der offiziellen deutschen Datenbank für ökobilanzielle Basisdaten von Bauprodukten, verursacht die Herstellung einer Tonne Mauersteine anderthalb- bis dreieinhalbmal weniger CO2-Äquivalente als die Produktion einer Tonne Brettschichtholz oder OSB-Platten. Grund dafür ist der Energieverbrauch im industriellen Herstellungsprozess inklusive Trocknung und Formgebung. Hinzu kommen die Emissionen der verwendeten Bauteilkomponenten, wie z.B. Bindemittel und Kleber. Insofern hat also auch die Produktion von Bauholz einen ökologischen Fußabdruck, den es ehrlich zu bilanzieren gilt.

Während der Nutzungsphase haben Gebäude aus Mauerwerk einen geringeren CO2-Ausstoß als andere Bauweisen. Was ist der Grund dafür?

Dr. Sebastian Pohl: Aufgrund seiner größeren Masse und höheren Trägheit bei Temperaturänderungen ist Mauerwerk besser in der Lage, Wärme aufzunehmen und zeitverzögert wieder abzugeben. Diese Wärmespeicherfähigkeit führt besonders in der Übergangszeit zu einem bis zu ca. 10 % geringeren Heizenergiebedarf und somit zu weniger CO2-Emissionen. Zudem weisen massive Gebäude im Sommer geringere Überhitzungshäufigkeiten und Spitzenraumtemperaturen auf, was zu einem höheren thermischen Komfort beiträgt. Die Nutzungsphase eines Gebäudes ist jedenfalls Treiber seiner CO2-Bilanz, demzufolge sollte der Fokus der Klimaschutzdebatte in Zukunft stärker auf die klimaneutrale Energieversorgung von Gebäuden gelegt werden.

Am Ende des Lebenszyklus setzt Mauerwerk bis 47 % weniger CO2 frei als andere Bauweisen. Woran liegt das?

Dr. Sebastian Pohl: Mauerwerk wird bereits heute zu 94 % stofflich verwertet und zu 78 % recycelt. Damit erreicht Mauerwerk gegenüber dem gängigen End-of-Life Szenario anderer Baustoffe, wie z.B. Holz, eine hochwertigere Abfallhierarchiestufe. Altholz aus dem Gebäudeabbruch wird heute fast überwiegend thermisch verwertet, d.h. zur Erzeugung von Wärme und/oder Strom verbrannt, wodurch das beim Wachstum des Baumes biogen gespeicherte CO2 wieder freigesetzt wird.

Wo sehen Sie weitere Ansatzpunkte für die Reduzierung des CO2 Ausstoßes?

Dr. Sebastian Pohl: Die Mauerwerksindustrie hat seit 1990, d.h. dem zeitlichen Bezugspunkt für aktuelle Klimaschutz- und Emissionsreduktionsziele, bereits erhebliche Verbesserungen erreicht – sei es im Bereich der Modernisierung von Produktions- und Anlagentechnik, durch die Nutzung von Abwärme oder durch optimierte Rezepturen. Durch den konsequenten Umstieg auf eine regenerative Energieversorgung können und müssen Mauerwerksprodukte in Zukunft gleichwohl noch deutlich umweltverträglicher hergestellt werden. Ein wesentlicher Treiber der CO2-Emissionen von Mauerwerk ist der Zementanteil – auch wenn dieser im Vergleich zu Stahlbeton-Bauteilen vergleichsweise gering ist. Dementsprechend liegt in der Reduzierung des Zementanteils ein Hebel zur Verringerung des CO2-Ausstoßes. Dies kann durch eine Erhöhung der Packungsdichten des Steingefüges und Einsparungen beim Einsatz von Bindemitteln erreicht werden. Weiteres Einsparpotenzial liegt in noch energie- und ressourceneffizienteren Produktionsprozessen. Dazu zählen die Modernisierung und Erneuerung der Anlagentechnik sowie die Entwicklung von Methoden zur CO2-Abscheidung. Auch die Recyclingpotenziale sind längst noch nicht ausgeschöpft. Wenn es gelingt, produktionstechnologische, verfahrenstechnische und konstruktionsbezogene Hemmnisse abzubauen, ist eine sehr weitreichende hochwertige stoffliche Verwertung bis hin sogar zur Wiederverwendung ganzer Bauteile möglich.

Nachhaltigkeit umfasst mehr als den ökologischen Aspekt. Wie sieht es mit der ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit aus?

Dr. Sebastian Pohl: Legt man einen Lebenszyklus von 80 Jahren zugrunde, ist Mauerwerk die günstigste Bauweise – 10 % günstiger als Stahlbeton und bis zu 25 % günstiger als Holz. Der Preisvorteil resultiert aus der schnelleren und einfacheren bautechnischen/-prozessualen Verarbeitung sowie deutlich niedrigeren Nutzungskosten aufgrund längerer technischer Lebensdauern der Wandkonstruktionen. Zudem haben massive Wohngebäude aus Mauerwerk aufgrund ihrer Nutzungsflexibilität eine höhere Werthaltigkeit. In Kombination mit den üblicherweise ausgeführten Stahlbetondecken sorgen ihre statischen Reserven dafür, dass sich Grundrissänderungen aus statischer und baupraktischer Sicht einfacher realisieren lassen. Darüber hinaus weisen Gebäude aus Mauerwerk eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Schadensereignissen, wie z.B. Feuer und Extremwetterlagen, auf. Was die soziale Nachhaltigkeit angeht, wirkt sich die Masse und Trägheit positiv auf den akustischen Komfort aus. So lassen sich die Anforderungen an den erhöhten Lärmschutz mit Mauerwerk deutlich einfacher realisieren als mit leichten Bauweisen. Ein Vorteil, der z.B. bei der innerstädtischen Verdichtung von Bedeutung sein kann.

Die Studie „Beiträge des Mauerwerksbaus zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit“ aus der DAfM-Schriftenreihe kann ab sofort beim Fachverlag Ernst & Sohn vorbestellt werden.

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